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Auf der Jagd nach Acetos Rekord
Zum Palio am 18. August 2026
Fragt man in Siena was es braucht um einen Palio zu gewinnen, heißt es: Vor allem ein gutes Pferd. Und Glück. Denn die Pferde werden den Stadtteilen zugelost.„La sorte ha deciso“ „Das Schicksal hat entschieden“, sagen sie hier im Herzen der Toskana. Aber gleich danach braucht man natürlich auch einen guten Reiter, einen guten Fantino.
Das Maß aller Dinge ist aktuell Giovanni Atzeni oder Tittia. Der inzwischen 41- jährige mit sardisch/deutschen Wurzeln hält vor dem August-Rennen bereits bei 12 Siegen. Und er hat damit noch ein weiteres besonderes Ziel: Er ist auf der Jagd nach dem Rekord von 14 Siegen beim Palio.
Aufgestellt vom legendären Fantino mit dem „Künstlernamen“ Aceto. Ein kurzer Blick in seine Geschichte. Zurück in die 1960-er Jahre. Andrea De Gortes, ein junger Sarde fiel dem damaligen Capitano der Contrada Oca bei Galopprennen in Rom auf. Er dachte dieser furchtlose junge Reiter würde perfekt für den Palio passen, holte ihn nach Siena und baute ihn als den Fantino seiner Contrada auf. Und er sollte recht behalten. Mit dem aufkommenden Fernsehen wurde Aceto nach Siegen in Serie italienweit bekannt und bald eine Ikone für den Palio in Siena. Man kann ihn als ersten Popstar des Palio bezeichnen.
Das ging sogar soweit, dass die überregionale Gazzetta dello Sport nach dem dramatischen Juli-Palio 1976, bei dem nicht weniger als 9 Reiter stürzten, Aceto dafür feierte, dass er als einziger auf dem Pferd blieb, obwohl er das Rennen gar nicht gewann. Der Sieg der Contrada Chiocciola wurde nur in einem Nebensatz, das siegreiche Pferd (Quebel) – ein „cavallo scosso“ (das hier in Siena eben auch ohne Reiter gewinnen kann!) wurde gar nicht erwähnt.
Überregionale Berichterstattung – in Siena stand natürlich die siegreiche Contrada und vor allem das siegreiche Pferd im Mittelpunkt. Seinen letzten und 14.Sieg errang Aceto 1992 im stolzen Alter von 49 Jahren. Inzwischen 83-jährig ist „il professore“ wie sie ihn hier nennen, immer noch ein gern gesehener und gefragter Gast in Diskussionsrunden und unverzichtbarer Bestandteil aller Dokumentationen über die Geschichte des Palio.
An der Marke von 14 Siegen bissen sich die Fantini bis heute die Zähne aus. Ganz nahe kam Gigi Bruscelli oder „Trecciolino“. Der Fantino aus Siena war mehr als 20 Jahre „il re del campo“ – der „König“ des Campo und brachte es insgesamt auf 13 Siege. Seine Karriere begann 1990 und endete mit dem August-Palio 2019. Einen 14.Sieg verhinderte möglicherweise die CoronaPandemie, da in den Jahren 2020 und 2021 kein Palio gelaufen wurde.
Die Capitani aller Contraden sind praktisch das ganze Jahr bemüht gute Kontakte zu den Fantini zu halten. Und doch ist die Tratta – die Verlosung der Pferde 4 Tage vor dem Rennen, der (mit)-entscheidende Faktor welche Reiter auf welchen Pferd sitzen. Im allgemeinen gilt: Kein aussichtsreiches Pferd – kein guter Reiter.
Und damit zurück in die Gegenwart: Tittia hatte schon vor der Verlosung der Pferde im August 8 der teilnehmenden 10 Contraden in Aussicht gestellt, dass er für sie reiten würde, sollten sie Diodoro – seine erste Wahl, zugelost bekommen. Mit diesem Pferd (siehe auch „Diodoro oder glaub an deine Träume“) hatte Tittia bereits die beiden letzten Juli-Palii 2025 für die Oca und heuer im Juli 2026 für die Aquila gewonnen. Aber die Tratta für den Palio im August hielt einige Überraschungen bereit: Zunächst großer Jubel bei der Contrada Nicchio. Die „Nonna“, die „Oma“ der Contraden, (ein naturgemäß wenig geliebter Titel für den Stadtteil, der am längsten nicht gewonnen hat), bekam mit „Anda e Bola“ das Siegespferd vom letzten August
„Das Schicksal hatte seinen Spaß“, schrieben die Zeitungen, war es doch der große Rivale, die Contrada Val di Montone, die mit diesem Pferd letztes Jahr gewonnen hatte. Aquila, der Sieger vom Juli, bekam mit „Benitos“ auch eines der aussichtsreichsten Pferde. Dort konnte man konnte sich berechtigte Hoffnung auf einen 2. Sieg im selben Jahr, auf ein äußerst seltenes „Cappotto“ machen. Aber wer würde „Diodoro“ bekommen?
„Lupa“!, war die Antwort aus dem Mund von Nicoletta Fabio, der die Auslosung leitenden Bürgermeisterin. Damit war Insidern klar, dass es diesmal kein „Traumpaar“ Tittia-Diodoro geben würde. Denn Tittia hatte Lupa als mögliche Contrada für sich ausgeschlossen. Nun war man war gespannt, was der „Valzer delle monte“,wie die Senesen die Verhandlungen der Contraden mit den Fantini nennen, ergeben würde. In weniger als einer Stunde, also ungewöhnlich schnell, waren sich diesmal Contraden und Reiter einig. Tittia wählte mit Nicchio die Contrada für die er 2003 sein Debüt als Fantino gegeben und seine ersten 4 Palii bestritten hat.
Die Lupa wurde etwas überraschend mit Dino Pes oder „Velluto“ handelseinig, der Diodoro zum 3. Sieg in 2 Jahren reiten soll. Die Hoffnungen der Aquila ruhten auf den Schultern von Carlo Sanna oder Brigante mit „Benitos“. Der vermeintlich schärfste Rivale von Tittia, Giuseppe Zedde oder „Gingillo“ reitet für die Contrada Torre, deren Pferd „Donrodrigo“ aber bestenfalls als Außenseiter gehandelt wird. Die Probeläufe brachten keine wirklich neuen Erkenntnisse. Die Favoriten deckten wie üblich ihre Karten noch nicht auf.
Dafür waren die Wetterprognosen für das Rennen relativ klar: Höchstwahrscheinlich kein Rennen am 16.08. Bereits 4 der 5 letzten Palii konnten nicht am jeweils regulären Termin (2.Juli, 16.August) ausgetragen werden. So auch diesmal. Aber auch am 17. war Regen der Spielverderber. Erneut kein Palio. Am Tag darauf das große Aufatmen. „E Palio“. Der historische Umzug, die ganz Stadt auf den Beinen, der lange erwartete Böllerschuss der die Contraden vor dem Betreten des Campo ankündigt.
Welchem Stadtteil könnte die 2-tätgige Verschiebung genützt oder geschadet haben? Um dem „Schicksal“ noch mehr Gestaltungsraum zu geben wird auch die Startposition beim Palio ausgelost. Und zwar ganz kurz vor dem Rennen. Nachdem diese vom Starter, dem „Mossiere“ verlesen wurde, schickt er die Reiter traditionell wieder aus dem Startbereich. Jetzt ist die Zeit der Verhandlungen zwischen den Contraden gekommen. Denn erst jetzt ist die Position der Stadtteile im Startgelände bekannt. Jetzt erst weiß man wo ein eventueller Rivale steht,wen man bestechen kann. Einen ganz wichtigen Platz nimmt dabei die sogenannte „Rincorsa“ ein. Das ist jene Contrada, die etwas außerhalb des Startgeländes steht, dafür aber den Start des Rennens bestimmen kann. Wo stehen die Favoriten? Lupa mit„Diodoro“ ist ganz innen, die erste Contrada. Sie hat den kürzesten Weg, aber auch das Problem, dass man sehr leicht behindert werden kann. Und jetzt sind alle Augen auf Nicchio gerichtet. Am weitaus höchsten gehandelt hat „Tittia“ und sein „Anda e Bola“ mit 8 einen relativ probematischen, hohen Startplatz. Und der Mitfavorit Aquila ist die „Rincorsa“. Eigentlich eine sehr spannende Ausgangsposition. Nach 4 Fehlstarts sind bereits mehr als 40 Minuten vergangen. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass Aquila mehrere exzellente Momente nicht nützt, in denen Nicchio nicht bereit für den Start war. Ganz im Gegenteil. 3 mal hatte Tittia schon probiert „auf Verdacht“ zu starten, also ohne zu sehen ob Aquila gleichzeitig ins Startgelände reitet. Das ist aber die Voraussetzung für einen gültigen Start! Vergleichbar mit einem Fußballer der zu sprinten beginnt, in der Hoffnung bei einem gleichzeitig gespielten Pass nicht im Abseits zu stehen. 3 Fehlstarts waren die Folge. Bei 4. mal klappt es. Alle anderen Contraden wie auf Kommando dicht an den Rand gedrängt, versucht es Tittia erneut, auch diesmal ohne Brigante, den Fantino von Aquila überhaupt zu sehen, der folgt wie ein kooperativer „Mitspieler“.
Der Start ist gültig. Der Rest ist schnell erzählt. Nicchio sofort in Führung, die Selva und Torre können eine knappe Runde folgen, nach 2 Runden gibt es aber bereits einen Vorsprung von 5 Längen,den Tittia sicher nach Hause reitet. Nachdem er mit erhobener Peitsche zum Zeichen seines (13.) Sieges durchs Ziel geht, ein großer Schreckmoment: Auf die Bahn laufende Contradioli bringen Pferd und Reiter zu Sturz. Tittia regungslos am Boden. Nach Einlieferung ins Krankenhaus wird eine Gehirnerschütterung diagnostiziert. So endet ein Palio, das wohl nicht als eines der umkämpftesten in die Geschichte eingehen wird. „Das Schicksal“ hatte diesmal offensichtlich nichts gegen den einen oder anderen „Deal“ von Menschenhand.



