Diodoro oder glaub an deine Träume (zum Palio am 3. Juli 2025)

Marco Tansini, ein Geschäftsmann und Pferdebesitzer in Siena hatte diese Träume. Am 4. Juli, am Tag nach dem Palio und dem Sieg „seiner“ Contrada del’Oca (der Gans) blieb sein Geschäft in der Innenstadt Sienas geschlossen. Im Schaufenster konnte man eine – (seine) Botschaft an die vorübergehenden Passanten lesen:

“Credete nei vostri sogni (Glaub an deine Träume)”

Und er fasste zusammen: „Das zum Feiern geschlossene Schaufenster ist ein Symbol der Freude. Manchmal scheint der Sieg weit weg, dann kommt der Moment, in dem alles konkret wird und das Glück alle Opfer belohnt.“ Tansini träumte davon, dass einmal eines seiner Pferde beim Palio teilnehmen,vielleicht sogar gewinnen, und – das war wahrscheinlich für seine kühnsten Träume vorgesehen – dass dieses Pferd auch noch für seine Contrada der Oca (der Gans) gewinnen würde. Und dieser Traum hatte diesmal einen Namen. Diodoro. Sein 6-jähriger Fuchs der zumindest bereits eine grobe Vorauswahl der Pferde für den Palio überstanden hatte.

Eine kleine Rückblende: Um einen wichtigen Teil der Träume von Signore Tansini und der „Contradioli“ der Oca wahr werden zu lassen, bedurfte es aber vorerst der Hilfe von Fortuna. Am letzten Sonntag im Mai stand traditionell die Auslosung jener Contraden an, welche das Feld der 7 automatisch am Palio teilnehmenden Stadtteile auf 10 ergänzt. Da für den Juli-Palio aber gleich 2 Contraden gesperrt waren (Aquila und Torre), standen die Chancen selten gut, dazugelost zu werden. Und tatsächlich! Als 3. von 5 Contraden wurde die Oca gezogen. Nicht unwichtig
zu erwähnen ist dabei, dass der große Rivale der Gans, die Contrada della Torre, wie oben erwähnt, nicht beim Palio am 2.Juli am Start sein würde. Nahezu alle Contraden haben einen „Rivalen“ hier in Siena. In aller Regel ist es der Nachbar. Die „Feindschaft“ zwischen Oca und Torre aber gilt als die größte.

Um den Stellenwert des Palio, aber auch der Contraden in Siena darzustellen, sei an den legendären Artemio Franchi erinnert. Mächtiger Präsident des europäischen Fussballverbandes UEFA, war er zur selben Zeit auch Capitano der Contrada della Torre. Und er soll einmal gefragt worden sein, was für ihn eine höhere Priorität besitzt; der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft seiner geliebten„Squadra Azzurra, der Italienischen Nationalmannschaft, oder der Sieg seiner Torre beim Palio in Siena. Und er meinte: „Das ist eine unglaublich schwere Frage, aber wenn sie mich mit der Pistole zwingen eine Antwort zu geben, dann ist es der Sieg meiner Contrada. Den Gewinn des WM Titels durfte er in seiner Regentschaft als Fussballfunktionär tatsächlich erleben. Italien holte den Titel 1982 in Spanien (Italien-Deutschland 3:1). Als Capitano einen Sieg seiner Contrada zu erleben, blieb ihm aber verwehrt.

Sein tragisches Ende – er starb bei einem Verkehrsunfall am August 1983 – just als er nach Verhandlungen mit einem Fantino für den anstehenden Palio nach Siena zurückfuhr, hüllte ganz Siena über Stadtteilgrenzen hinweg in tiefe Trauer. Zu seinen Ehren tragen sowohl das Stadion in Siena als auch das in Florenz seinen Namen.

Doch zurück in die Gegenwart. Die Spannung im Hause Tansini stieg. Der 29.Juni, der Tag der Tratta, der Auslosung der Pferde war gekommen. Würde es diesmal klappen? Diodoro hatte es schon 2 mal bis zu den „Batterie“ geschafft. Das sind die letzten Proberennen am Vormittag, wobei aus ca. 30 Pferden die 10 ausgewählt werden, die dann den Stadtteilen zugelost werden. Und diesmal klappte es tatsächlich. Diodoro war dabei!

Gegen 13 Uhr füllt sich der Campo. Die Bürgermeisterin Nicoletta Fabio (sie leitet die Auslosung) betritt jetzt mit den 10 Capitani der am Palio teilnehmenden Stadtteile das Podest vor dem Palazzo Pubblico. Fanfaren kündigen wie immer den Beginn dieses Rituals an. Für alle sichtbar werden vorerst die beiden Lostrommeln mit den Nummern für die Pferde und dann jene für die Contraden gefüllt. Die Spannung ist mit Händen zu greifen. Von 2 „Waisenkindern“ wird abwechselnd eine Nummer für ein Pferd, dann ein Stadtteil gezogen. Hier entscheidet sich bereits der
„halbe“ Palio, heißt es in Siena. Kein gutes Pferd, kein guter Reiter. Gleich zu Beginn großer Jubel bei der Contrada Tartuca, denen das zweifache Siegerpferd Ziofrac zugelost wird, aber auch der Rivale Chiocciola (seit 1999 sieglos) hat gleich danach mit Tale e quale ebenfalls einen ehemaligen Sieger gezogen. Bruco (die Raupe) scheint mit Viso d`Angelo auch sehr zufrieden zu sein. Und man kann sich die Freude bei Marco Tansini vorstellen, als nun Diodoro tatsächlich seiner Oca! zugelost wird. Der Traum ging weiter.

Nun war es an der Zeit für die Contraden sich einen Reiter- einen „Fantino“ für ihr jeweiliges Pferd zu engagieren. Auch hier kam der Oca ein glücklicher Umstand zu Hilfe. Giovanni Atzeni, der sich als Fantino „Tittia“ nennt und mit 10 Siegen der mit Abstand erfolgreichste aktive Reiter ist, kannte Diodoro nicht nur, er hatte ihn auch schon trainiert. Die Oca war zwar seine bevorzugte Contrada, für die er sogar schon 3 mal gewonnen hatte, aber es war doch ein mutiger Schritt, ein Pferd zu wählen, das noch kein einziges Palio bestritten hatte.

Aber ein Fantino wie „Tittia“ wäre immer zu beachten, so die Meinung der Experten. Weiters im Focus: Ein langjähriger Rivale von „Tittia“, Jonathan Bartoletti „Scompiglio“, der auch schon 5 Siege vorzuweisen hat, und diesmal die Farben der Bruco vertritt. Weiters der 3-fache Sieger Carlo Sanna „Brigante“, der mit Ziofrac ein Pferd für die Tartuca reitet, das wie erwähnt, bereits 2 mal gewonnen hatte. Nach den Probeläufen waren sich die Fachleute aber einig, dass mit einem selten „offenen“ Palio zu rechnen ist.

Dann war er gekommen, der 2. Juli, der Tag des Palio. „Il giorno della verita`“, wie der Corriere di Siena titelte. Die Hitze hatte die Toskana, ja ganz Italien und sogar große Teile Europas fest im Griff. Bis zu 39 Grad wurden hier in Siena seit einigen Tagen gemessen, es hatte seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr geregnet. Und dann plötzlich, tatsächlich ein Regenschauer am Nachmittag, der einem vorkam wie ein „deja vu“ vom Vorjahr, als der Palio auch wegen Regens sogar 2 Tage verschoben werden musste. Tags darauf hatte der Wettergott aber ein Einsehen.

Es war soweit. Nach dem traditionellen historischen Umzug durch die Stadt endend am Campo, hatte das Warten ein Ende. Ein Böllerschuss kündigt nun die Reiter an, die aus dem Palazzo Pubblico auf die Rennbahn treten. Zuvor hatte sich jeder Fantino von einem der beiden Polizeikräfte am Ausgang des Palazzo eine Peitsche, eine „nerba“ genommen.

Das Zeichen zur symbolischen Übergabe der Macht. Ein letzter Gruß damit an die Contradioli der Contrada, für die man ins Rennen geht. Dann im Trab Richtung Startgelände. Die Pferde werden im Kreis bewegt und alles wartet nun auf die mitentscheidende und in diesem Moment erst festgelegte Startaufstellung. Ein Polizist übergibt „la busta,“ den Brief, an den Mossiere, den Starter. Dann hört man überall pssst, pssst bis
es fast unwirklich ruhig ist.

Das erste Wort des Mossiere durchschneidet die Stille. „Lupa !“ Also Startplatz 1, Innenbahn, nicht schlecht, aber man kann auch leicht behindert, an den Rand gedrängt werden. Dann Selva, Bruco auf 3, eine sehr gute Startposition für den Mitfavoriten. Daneben mit Chiocchiola eine weitere hoch gehandelte Contrada, dann die Oca, daneben Istrice, Pantera und Drago. Pech für die Tartuca, mit Startplatz 9 hat man den weitesten Weg. Val di Montone hingegen hat die sogenannte rincorsa außerhalb des Startgeländes, aber den Vorteil den Start des Rennens zu bestimmen.

„Gingillo“, der Fantino der Montone ist deshalb nach dem ersten „programmierten“ Fehlstart sofort Ziel zahlreicher lukrativer „Angebote“. Nahezu alle anderen Contraden bieten erhebliche Summen um einen guten Start für sich zu erwirken. Oder sogar dafür, dass sich ein Rivale im Moment des Starts in einer möglichst schlechten Position befindet. 4 mal läßt der Mossiere die Reiter das Startgelände wieder verlassen, um sic dann erneut aufzurufen. Jetzt stehen 9 Contraden wieder erstaunlich ruhig in der richtigen Reihenfolge vor dem Startseil. Nur das Pferd der
Contrada Drago auf Position 8 weicht manchmal zurück und dreht sich nun erneut, Tartuca daneben muss ausweichen, dreht sich ebenfalls. Auf diesen Moment hat „Gingillo“ der Montone- Reiter offenbar gewartet. Er stürmt in die Mossa, das Seil fällt. Der Start ist gültig, la mossa e valida. Den besten Start erwischt die Selva, dicht gefolgt von der Oca, Kopf an Kopf, dann gelingt es „Tittia“ seine ganze Klasse auszuspielen und an der Selva vorbeizugehen.

Auch die erste gefährliche „San-Martino“ Kurve nimmt er im Stil eines Champions, aber seine Verfolger sind natürlich noch nicht abgeschüttelt. Die Selva und Montone sind ihm weiter auf den Fersen, da in der zweiten San Martino ein kurzer Schreckmoment für „Tittia“, der ganz kurz aus dem Gleichgewicht kommt, doch schnell wieder alles im Griff hat. Selva und Montone sind aber wieder näher gekommen. In der folgenden „Curva del Casato“, der „Aufwärtskurve“ dann ein Problem für „Gingillo“, die Montone verliert dabei entscheidende Meter. Aber auch die Selva mit „Virgola“, der erst sein zweites Rennen bestreitet, kann den entfesselt laufenden „Diodoro“ jetzt nichts mehr entgegensetzen. Die dritte und letzte Runde gleicht fast einer „Ehrenrunde“. Mit erhobener Peitsche grüßt „Tittia“ beim Zieldurchlauf und feiert seinen elften Sieg. Es ist der bereits 68. Sieg der Oca. Und Marco Tansini wird wohl noch sehr oft von diesem Palio und der Erfüllung seiner Träume erzählen.

Die Auslosung der Contraden für den Palio im August ergab für die Oca eine kleine Enttäuschung. Man wurde nicht gelost und somit kann es heuer auch kein Cappotto geben. So nennt man hier den sehr seltenen Fall zweier Siege desselben Stadtteils im selben Jahr. Aber nachdem auch der große Rivale Torre im August nicht am Start ist, hat Marco Tansini zumindest die Gewissheit, dass sein Diodoro, ( sollte er wieder unter den 10 zur Verlosung stehenden Pferde sein) nicht in die völlig „falschen Hände“ gerät.

Hermann Hamberger